35 oder 40 Stunden? Wir stellen die falsche Frage.
Nicht die Zahl der Arbeitsstunden entscheidet, sondern die Wertschöpfung je Arbeitsstunde.
Deutschland diskutiert über längere Arbeitszeiten. Gleichzeitig beginnen KI, Software und Robotik, menschliche Arbeitszeit in immer größerem Umfang zu ersetzen. Beides ist real. Aber daraus folgt eine andere wirtschaftspolitische Frage: Wie steigern wir nicht die Zahl der Arbeitsstunden, sondern die Wertschöpfung je Arbeitsstunde?
Die Debatte klingt zunächst vertraut
Deutschland müsse wieder mehr arbeiten. Die 35-Stunden-Woche sei angesichts von Fachkräftemangel, demografischem Wandel und internationalem Wettbewerbsdruck nicht mehr zeitgemäß. Vertreter aus Politik und Industrie fordern längere Arbeitszeiten, mehr Vollzeit und teilweise eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche.
Diese Argumentation ist nicht falsch. Aber sie greift zu kurz.
Denn während wir darüber diskutieren, wie wir das Arbeitsvolumen erhöhen können, verändert sich durch Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Robotik gerade die andere Seite der Gleichung: wie viel Wertschöpfung mit einer menschlichen Arbeitsstunde überhaupt erzeugt werden kann.
Die Forderung kommt längst nicht nur aus der Industrie
Die Diskussion über mehr Arbeitszeit wird inzwischen sowohl von führenden Industrievertretern als auch von der Politik geführt. Bundeskanzler Friedrich Merz begründet die Forderung insbesondere mit Demografie, Fachkräftemangel und den sozialen Sicherungssystemen. Beim IHK-Tag im Mai 2026 sagte er:
„Wir müssen die richtigen Anreize setzen, damit die Menschen in unserem Land mehr arbeiten.“
Merz fordert dabei nicht ausschließlich längere Wochenarbeitszeiten. Seine Strategie umfasst mehrere Elemente:
- mehr Vollzeitarbeit
- stärkere Erwerbsanreize
- längeres freiwilliges Arbeiten im Alter
- die Aktivrente
- flexiblere Arbeitszeitregelungen
- eine bessere Mobilisierung vorhandenen Arbeitskräftepotenzials
Die Argumentation dahinter ist nachvollziehbar: Wenn aufgrund des demografischen Wandels weniger Menschen im Erwerbsalter zur Verfügung stehen, kann ein höheres Arbeitsvolumen den Rückgang zumindest teilweise kompensieren.
Söder wird noch konkreter
Markus Söder geht einen Schritt weiter und fordert ausdrücklich eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit. Seine Formel:
„Eine Stunde mehr würde uns allen helfen.“
Söder verweist dabei unter anderem auf die Schweiz und verbindet die Forderung mit Wirtschaftswachstum und der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme. Die Forderung ist deshalb mehr als eine symbolische Debatte über Leistungsbereitschaft. Sie folgt einer klaren ökonomischen Logik: Mehr Arbeitszeit → mehr verfügbares Arbeitsvolumen → potenziell mehr wirtschaftlicher Output.
Auch diese Logik ist zunächst nicht falsch. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Ist zusätzliches Arbeitsvolumen langfristig tatsächlich der stärkste Hebel für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit?
Die Industrie ergänzt ein zweites Argument: Arbeitskosten
Bei Merz und Söder stehen insbesondere Arbeitsvolumen, Demografie, Fachkräftemangel, Wachstum und Sozialstaatsfinanzierung im Vordergrund. Bei Mercedes-Benz und Stihl kommt ein weiterer, unmittelbar betriebswirtschaftlicher Faktor hinzu: die Arbeitskosten je Stunde.
Wird eine tarifliche Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden erhöht, ohne das Monatsgehalt entsprechend anzuheben, ergibt sich rechnerisch:
Rechnerische Arbeitskosten je Stunde −12,5 %
Aufsichtsratschef Martin Brudermüller argumentiert, Deutschland habe im internationalen Vergleich zu hohe Arbeitskosten und gegenüber wichtigen Wettbewerbern keinen ausreichenden Produktivitätsvorsprung mehr.
Zeit / dpa · 2026Nikolas Stihl argumentiert ähnlich und fordert eine Verlängerung der 35-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich, um Arbeitskosten zu senken und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu stärken.
Welt / dpa · 2026Diese Argumentation ist ökonomisch nicht unsinnig. Aber sie löst ein anderes Problem als Produktivitätssteigerung.
- Mehr Arbeitsstunden erhöhen zunächst den Input.
- Produktivitätssteigerung erhöht den Output je Input.
- Automatisierung kann den Output erhöhen, ohne dass menschlicher Input proportional mitwachsen muss.
35 → 40 Stunden
gleiche Arbeitszeit → höherer Output
Output wächst ohne proportional steigende menschliche Arbeit
Kurzfristige Wirkung, langfristige Zielgröße
Eine längere Arbeitszeit kann kurzfristig das verfügbare Arbeitsvolumen erhöhen, Arbeitskosten reduzieren und den demografischen Rückgang abfedern. Langfristigen Wohlstand schafft sie aber nur begrenzt. Entscheidend ist, wie viel Wertschöpfung mit einer menschlichen Arbeitsstunde entsteht.
Die Forderungen adressieren reale kurzfristige Probleme. Sie dürfen aber nicht mit einer langfristigen Produktivitätsstrategie verwechselt werden. MITTE 21 hält die Diagnose in Teilen für berechtigt — zieht aber eine andere Schlussfolgerung: Die Zielgröße ist nicht die Arbeitsstunde, sondern ihr Ertrag.
Das Mengenproblem ist real
Deutschland steht vor einer erheblichen demografischen Herausforderung. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes werden in den kommenden 15 Jahren rund 13,3 Millionen heute Erwerbstätige das gesetzliche Rentenalter überschritten haben. Gleichzeitig wächst die Zahl älterer Menschen.
Das Arbeitsangebot wird damit zu einem begrenzenden Faktor unserer Volkswirtschaft. Die Bundesbank sieht im demografisch bedingten Rückgang des Arbeitsangebots entsprechend eine wesentliche Belastung für das zukünftige Potenzialwachstum Deutschlands.
Mehr Erwerbsbeteiligung kann deshalb helfen. Menschen, die freiwillig mehr arbeiten möchten, sollten dies können. Ein späterer Renteneintritt kann zusätzliche Arbeitskraft mobilisieren. Bessere Kinderbetreuung kann Eltern ermöglichen, ihre Arbeitszeit zu erhöhen. Qualifizierte Zuwanderung kann zusätzliche Erwerbstätige gewinnen.
Auch deshalb ist die aktuelle Diskussion über Arbeitszeit grundsätzlich legitim. Sie wird allerdings häufig auf die vermeintlich zu kurze deutsche Arbeitswoche reduziert. Dabei arbeiteten Vollzeitbeschäftigte in Deutschland 2025 durchschnittlich rund 39,9 Stunden pro Woche. Gleichzeitig lag die Teilzeitquote abhängig Beschäftigter bei 31,9 Prozent.
Das Problem ist komplexer als die Formel: 35 Stunden sind zu wenig — deshalb brauchen wir wieder 40.
Mehr arbeiten ist nicht dasselbe wie produktiver arbeiten
Volkswirtschaftlich lässt sich die entscheidende Beziehung stark vereinfachen:
Mehr Menschen arbeiten. Menschen arbeiten länger. Sie gehen später in Rente oder wechseln von Teilzeit in Vollzeit.
Menschen erzeugen in derselben Zeit mehr Wertschöpfung — durch bessere Prozesse, Maschinen, Software, KI, Robotik, Bildung, Infrastruktur und weniger administrative Reibungsverluste.
Beide Hebel sind wichtig. Aber sie skalieren vollkommen unterschiedlich. Wenn ein Mensch statt 35 Stunden 40 Stunden arbeitet, steigt sein zeitlicher Input um rund 14,3 Prozent. Wenn ein Prozess durch KI statt zehn Stunden nur noch zwei Stunden menschliche Arbeit benötigt, verändert sich die Produktivität um eine völlig andere Größenordnung.
Und genau diese Entwicklung beginnt gerade.
Zwei Schlagzeilen, zwei Welten
Wie widersprüchlich die aktuelle Debatte ist, zeigte im August 2026 ausgerechnet die unmittelbare Abfolge zweier Beiträge beim SPIEGEL.
„Unternehmer Stihl fordert Abschaffung der 35-Stunden-Woche"
Deutschland könne sich die 35-Stunden-Woche nicht mehr leisten. Eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich könne die Arbeitskosten reduzieren.
„Der neue KI-Kapitalismus"
Die zentrale These: Künstliche Intelligenz könnte menschliche Arbeit in erheblichem Umfang ersetzen.
Diese beiden Schlagzeilen könnten kaum besser beschreiben, vor welcher Weggabelung Wirtschaftspolitik steht. Die eine Diskussion fragt: Wie bekommen wir mehr menschliche Arbeitsstunden? Die andere Entwicklung stellt bereits die Frage: Wie viele menschliche Arbeitsstunden werden wir künftig überhaupt benötigen?
Die Entwicklung findet bereits statt
Das ist keine theoretische Diskussion über eine ferne KI-Zukunft. BMW beispielsweise plant den Abbau mehrerer Tausend Stellen. Dieser Stellenabbau hat unterschiedliche Ursachen und darf nicht einfach KI zugerechnet werden.
Gleichzeitig beschreibt BMW selbst den zunehmenden Einsatz sogenannter Agentic AI in seinen Unternehmensprozessen. In einem von BMW dargestellten Anwendungsfall können rund 90 Prozent der bislang manuellen Arbeitsschritte automatisiert werden. Beides findet gleichzeitig statt: Unternehmen reduzieren Personal und automatisieren Prozesse.
Noch deutlicher wird die mögliche Skalierung in rein digitalen Geschäftsmodellen. Das Kryptoprotokoll Hyperliquid organisiert mit einem extrem kleinen Kernteam wirtschaftliche Aktivitäten und Erträge in einer Größenordnung, für die klassische Unternehmen große Organisationen benötigen würden.
Hyperliquid ist kein Modell für eine gesamte Volkswirtschaft. Pflegekräfte, Handwerker, Ingenieure, Erzieher, Ärzte, Produktionsmitarbeiter oder Beschäftigte in Gastronomie und Bauwirtschaft verschwinden nicht einfach.
Aber Hyperliquid zeigt im Extrem einen entscheidenden strukturellen Effekt: Wertschöpfung und Beschäftigtenzahl können sich voneinander entkoppeln.
Und mit humanoider Robotik erreicht dieselbe Entwicklung zunehmend auch die physische Welt. Agile Robots beginnt 2026 mit der Produktion seines humanoiden Roboters Agile ONE in Deutschland. KI-basierte Automatisierung ist damit nicht länger ausschließlich eine Frage von Bildschirmarbeitsplätzen und Software. Die Grenze zwischen digitaler und physischer Automatisierung beginnt zu verschwimmen.
Deshalb brauchen wir nicht weniger Arbeit — sondern produktivere Arbeit
Aus dieser Entwicklung abzuleiten, Deutschland müsse künftig einfach weniger arbeiten, wäre genauso kurz gedacht wie die pauschale Forderung nach längeren Arbeitszeiten.
Kurzfristig brauchen wir mehr verfügbares Arbeitsvolumen. Deshalb sollten wir Menschen, die freiwillig mehr arbeiten wollen, nicht daran hindern. Wer von 15 auf 20 Stunden erhöhen möchte, sollte davon finanziell deutlich profitieren. Wer 40 statt 35 Stunden arbeiten möchte, sollte dies unkompliziert können. Wer nach Erreichen des Rentenalters weiterarbeiten möchte, sollte dafür attraktive Bedingungen vorfinden.
Steuerliche Fehlanreize, hohe Transferentzugsraten, mangelnde Kinderbetreuung oder unnötig starre Arbeitszeitregeln sollten zusätzliche Erwerbsarbeit nicht verhindern.
Wer mithilfe von KI in 30 Stunden dieselbe oder eine höhere Wertschöpfung erzeugt wie früher in 40 Stunden, ist nicht weniger leistungsfähig. Im Gegenteil: Er ist produktiver.
Die Stunde ist die falsche Zielgröße
Damit verändert sich die wirtschaftspolitische Perspektive. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie viele Stunden arbeiten die Menschen in Deutschland? Sondern: Wie viel Wertschöpfung erzeugen wir mit einer menschlichen Arbeitsstunde?
Deutschland muss nicht Weltmeister bei den geleisteten Arbeitsstunden werden. Deutschland sollte Weltmeister bei der Wertschöpfung je Arbeitsstunde werden.
Dafür brauchen wir Investitionen in Automatisierung, KI und Robotik. Wir brauchen eine digitale Verwaltung, die Unternehmen und Bürger nicht mit vermeidbarer Arbeit beschäftigt. Wir brauchen Bildung, die Menschen befähigt, Technologie produktiv einzusetzen. Wir brauchen Infrastruktur, Kapital und wettbewerbsfähige Energiepreise. Und wir brauchen ein Steuer- und Transfersystem, in dem zusätzliche menschliche Arbeit tatsächlich attraktiv bleibt.
Und dann entsteht eine noch größere Frage
Wenn diese Produktivitätsstrategie erfolgreich ist, verändert sie allerdings selbst die Grundlagen unseres heutigen Systems. Denn ein erheblicher Teil der Finanzierung unseres Sozialstaates hängt an menschlicher Erwerbsarbeit. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge finanzieren Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. Einkommen aus Erwerbsarbeit erzeugt Einkommensteuer.
Was passiert aber, wenn Unternehmen künftig wesentlich mehr Wertschöpfung mit wesentlich weniger menschlicher Arbeitszeit erzeugen können? Dann entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch: Wirtschaftlich wünschen wir uns maximale Produktivität. Fiskalisch benötigen wir heute gleichzeitig sehr viel menschliche Erwerbsarbeit.
Wie organisieren und finanzieren wir gesellschaftlichen Wohlstand, wenn menschliche Erwerbsarbeit nicht mehr im gleichen Maße wachsen muss wie unsere wirtschaftliche Wertschöpfung?
MITTE 21 betrachtet diese Entwicklung nicht als Bedrohung. Im Gegenteil: Wenn wir mit weniger menschlicher Arbeitszeit mehr Wohlstand erzeugen können, wäre das eine der großen Errungenschaften technologischen Fortschritts. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, diese Entwicklung aufzuhalten. Unsere Institutionen müssen lernen, mit ihr Schritt zu halten.
Mehr Arbeit ermöglichen – nicht pauschal verordnen
MITTE 21 sieht erhebliches Potenzial darin, freiwillige zusätzliche Erwerbsarbeit attraktiver zu machen. Wer mehr arbeiten möchte, soll davon spürbar profitieren. Dazu gehören:
- bessere Kinderbetreuung
- geringere steuerliche Fehlanreize bei zusätzlicher Arbeit
- niedrigere Transferentzugsraten
- flexible Arbeitszeiten
- attraktive Bedingungen für freiwilliges Weiterarbeiten nach dem Renteneintritt
- qualifizierte Zuwanderung
Die politische Zielgröße ist jedoch nicht die maximale Zahl geleisteter Arbeitsstunden. Die Zielgröße ist:
Zwei Strategien werden gleichzeitig diskutiert
Mehr Arbeitsvolumen mobilisieren
↓ kurzfristig mehr Input / geringere Arbeitskosten
Produktivität und Skalierbarkeit erhöhen
↓ mehr Output je menschlicher Arbeitsstunde
Kurzfristig kann Deutschland beide Hebel benötigen. Langfristig entscheidet jedoch die Produktivitätsentwicklung darüber, ob Wohlstand trotz demografisch sinkendem Arbeitsangebot wachsen kann.
Daraus entsteht die größere MITTE-21-Frage: Was bedeutet es für unser Steuer- und Sozialsystem, wenn Wertschöpfung künftig wesentlich schneller wachsen kann als menschliche Erwerbsarbeit?
Wertschöpfung und Erwerbsarbeit
Was passiert fiskalisch, wenn zwei Unternehmen dieselbe Wertschöpfung mit völlig unterschiedlichem Einsatz menschlicher Arbeit erzeugen?
Finanzierung der Transformation
Wie könnte ein Steuer-, Sozial- und Transfersystem aussehen, das Arbeit entlastet, Produktivität fördert und trotzdem dauerhaft staatliche Handlungsfähigkeit sichert?